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Dies ist ein Kapitel aus meinem neuen Buch "Papas kleine Monster gehen zur Schule"

Papa hat Geburtstag

Anscheinend gibt es viele Menschen, die gern im Bett frühstücken. Ich gehöre nicht dazu. Ich hasse es, ein Tablett mit Kaffeetassen auf dem Bauch zu balancieren und nach dem Essen lauter Krümel unter dem Kopfkissen zu haben.

Aber an meinem Geburtstag habe ich keine Chance. Schon in der Morgendämmerung hört man die Kinder flüsternd und kichernd durch den Gang schleichen und in der Küche hantieren.

Dann gibt es ein lautes Klirren. Ouarda, die gern länger schläft, schreckt auf: „Was war das?“.

Ihre Augen sind noch ganz klein und ihr Haar ist verstrubelt. Ganz früh am Morgen sieht Ouarda aus, wie ein Mädchen.

„Ein Teller“, sage ich. „Vermutlich“

„Ein Teller?“

„Ja. Ich glaube die Kinder machen Frühstück“.

„Häh“, sagt Ouarda, „warum denn?“

„Geburtstag“, sage ich, „ich habe heute doch...“

Mehr kann ich nicht sagen, weil ich jetzt von Ouarda ganz viele, verschlafene Geburtstagsküsse bekomme.

Aus der Küche hört man immer noch geschäftiges Hantieren. Die Saftpresse läuft, Töpfe klappern, die Espresso-Maschine röchelt. Ich befürchte, es handelt sich nicht nur um Frühstück, sondern um ein ausgewachsenes Brunch.

Das Hantieren in der Küche zieht sich hin. Eigentlich möchte ich auf’s Klo gehen. Aber ich komme nur bis zur Schlafzimmertür. Davor steht Clara Schmiere.

„Papa“, sagt sie, „was willst Du denn hier?“

„Auf’s Klo“.

„Aber Papa, du weißt doch, dass das nicht geht“.

„Wieso soll das nicht gehen?“.

Clara schaut mich mit dem Meine-Güte-bist-Du-manchmal-schwer-von-Begriff-Blick an. „Weil heute doch dein Geburtstag ist“.

„Ja und?“, sage ich. „Wieso darf ich ausgerechnet an meinem eigenen Geburtstag nicht auf’s Klo“.

„Mein Gott, Papa“, sagt Clara, „Wir machen eine Überraschung für dich. Das musst Du doch verstehen“.

Verstehen tue ich das schon. Und trotzdem werde ich jetzt nicht unverrichteter Dinge zurückkehren ins Bett. Nach einiger Diskussion an der Schlafzimmertür hat Clara eine gute Idee.

„Ich setze mich auf Deine Schulter und halte Dir die Augen zu, während Du auf’s Klo gehst. Oder kannst Du nicht blind pinkeln?“

Natürlich kann ich blind pinkeln. Ich kann sogar freihändig pinkeln. Aber ich weiss nicht, ob ich mit Menschen auf der Schulter pinkeln kann.

Jetzt ist allerdings keine Zeit, darüber zu philosophieren.

„Schulter oder Bett?“, sagt Clara streng.

Ich sage: „Schulter“ und helfe Clara hinauf. Sie hält mir die Augen zu und ich gehe blind durch die Wohnung.

Früher haben wir das oft gemacht: Blind durch die Wohnung gehen. An Türen rief Clara: „Achtung, Türe!“. Dann ging ich ein wenig in die Knie und Clara zog den Kopf ein.

Aber das war, als Clara noch klein war. Jetzt ist sie ziemlich gross und wiegt 30 Kilo. Trotzdem schaffen wir es bis zur Toilette und zurück ins Schlafzimmer. Ich versuche auf dem Weg durch Claras Finger zu linsen. Ist da nicht ein seltsames Flackern aus der Küche zu sehen?

„Vorsicht mit offenem Feuer!“, rufe ich.

Keine Antwort.

Ich beschließe so zu tun, als hätte ich kein Flackern gesehen. Emil ist ja dabei und der ist 12 Jahre alt. Er wird schon wissen, was er tut. Oder?

„Meinst Du, Emil weiss was er tut?“, frage ich Ouarda, nachdem ich Clara abgesetzt habe und wieder unter die Bettdecke krieche.

„Häh“, sagt Ouarda verschlafen.

„In der Küche hat was geflackert“, sage ich.

„Macht nichts“, sagt Ouarda und schläft sofort wieder ein. Ouarda kann sehr gut vormittags schlafen. Ein bisschen Flackern in der Küche wird sie davon nicht abhalten.

Ihr ruhiges Atmen macht auch mich wieder ganz müde. Ich kuschle mich an meine Frau – und dann müssen mir die Augen zugefallen sein.

Ich mache sie erst wieder auf, als ich einen gewaltigen Lärm direkt vor meinem Bett höre. Erschreckt fahre ich hoch. Ich sehe Sternchen und Lichtblitze. Der Lärm ist kein Lärm. Der Lärm ist das Winseln von Sami.

Sami hält ein Bündel von mindestens zehn Wunderkerzen in den Händen, die gerade zu einer Art Phosphorbombe verschmelzen und einen wahren Feuerregen versprühen.

Clara steht daneben mit einem Teller voller brennender Teelichter und ebenfalls einem Dutzend Wunderkerzen. Emil balanciert wunderbar geschäumte Latte macchiato (woher weiß er eigentlich wie das geht?) und frisch gebutterte Toastbrotscheiben auf einem Tablett. Irgendwie schafft er es, gleichzeitig noch brennende Wunderkerzen zu umklammern.

Dabei grölt er „Happy Birthday“, aber der Gesang ist kaum zu hören, weil Samis Winseln in panisches Gekreische übergeht. Die Wunderkerzen-Bombe in seiner Hand beginnt hellrot zu glühen.

Das sieht nach einer Katastrophe aus!

„Heiß“, schreit Sami. Und dann läßt er das Flammenbündel fallen. Ich springe aus dem Bett, rase in die Küche, fülle eine Schüssel mit Wasser und hetze ins Schlafzimmer zurück.

Ouarda sitzt mit schreckgeweiteten Augen im Bett. Sami weint. Seine Wunderkerzen verzischen auf dem Parkett. Claras Kerzenbündel sprüht Feuer wie ein außer Kontrolle geratener Flammenwerfer und auch Emil hat schon ein ganz verkniffenes Gesicht. Kein Mensch singt mehr „Happy Birthday“.

Ich packe todesmutig Samis Kerzenbündel und werfe es in die Wasserschüssel.

„Schnell“, rufe ich, „Clara, Emil! Her mit Euren Wunderkerzen“. Für Höflichkeit ist jetzt nicht die richtige Zeit. Der Milchkaffee schwappt über, ein Buttertoast geht zu Boden, aber schließlich sind alle Wunderkerzen im Wasser. Es zischt und brodelt noch ein bisschen.

Dann ist Ruhe.

Keine Lichtblitze mehr, keine Sternchen. Nur ein dunkler Brandfleck auf dem Parkett.

Sami wischt sich die Tränen ab. Dann klettern alle ins Bett. Wir essen die Reste der gebutterten Toastscheiben, krümeln alles voll, bekleckern die Kissen mit Marmelade und kuscheln dann noch ein wenig.

„Weißt Du was?“, sagt Emil.

„Was denn?“, frage ich.

„So ein Geburtstagsfrühstück im Bett“, sagt Emil, „ist ganz schön gemütlich. Oder?“.

 

 

 

Michael Kneissler | mail@michaelkneissler.de